Samstag, 19.04.2003, Ausgabe-Nr. 91, Ressort Kultur
Tief bewegende Deutung
MATTHÄUS-PASSION Das Grosse,
Unfassbare kündete sich leise an. Und berührte gerade deshalb umso nachhaltiger
und tiefer. In schlichter Transparenz liessen die
Streicher die in schwermütiges E-Moll getauchten Zwölfachteltakte vorwärts
strömen, und unprätenziös und eindringlich erhob der
Chor seine Stimme und spannte über dem ruhig pulsierenden Fundament der Bässe
einen schmerzlichen Melodiebogen. «Kommt ihr Töchter, helft mir klagen.»
Niemand, Christ oder Nicht-Christ, vermochte der Suggestivkraft der
musikalischen Aufforderung zu widerstehen: Gemeinsam begab man sich auf jenen
berühmten Leidensweg, der im Jahre 33 n. Chr. auf Golgatha für einen
Unschuldigen am Kreuz endete.
Mit der zweimaligen Aufführung von Johann Sebastian Bachs «Matthäus-Passion»
einmal in gekürzter und am Karfreitag in ungekürzter Fassung hat der Dirigent
Jörg Ewald Dähler sich zu seinem 70. Geburtstag reich
beschenkt. Nicht nur sich: Jung und Alt nahm die Gelegenheit wahr, dem
bewegenden künstlerischen Grossereignis im Berner
Münster beizuwohnen, an dem der Berner Kammerchor, das Vokalkollegium Bern, der
Berner Kinderchor und die Cappella Istropolinana
sowie die Vokalsolisten Ruth Holton (Sopran),
Mechthild Seitz (Alt), Clemens Löschmann (Tenor), der Bass Dominik Wörner
(Christus) und der Bass René Perler (Arien) aktiv
beteiligt waren.
Gehaltvolle Klanglichkeit
Wer das Privileg hatte, nahe beim Orchester in den vordersten Reihen zu sitzen,
wurde gefangen genommen von vielen klug reflektierten gestalterischen Details,
deren Souplesse mit wachsender Distanz wohl etwas
verloren ging. Eindrücklich gelang der Stereoeffekt durch die einander
gegenüber platzierten, stimmlich nicht ganz adäquaten Chöre, zwischen denen
sich das Passionsgeschehen in lyrischen und an Schlüsselstellen dramatisch
akzentuierten, jedoch nie überhitzten Szenen verdichtete. Wie der Dirigent Jörg
Ewald Dähler als kompetenter Master of ceremony und die herausragenden Instrumentalsolisten (neben
anderen Hyunjong Kang,
Violine und Kaspar Zehnder, Flöte) so stellten auch
die Vokalsolisten ihr Auftritte ganz in den Dienst des
imposanten Gesamtkunstwerks. Äusserst empfindsam sang
die etwas indisponiert scheinende Ruth Holton ihren
Part, mit herber Süsse, klarer Phrasierung, doch im
Volumen zuweilen etwas kraftlos Mechthild Seitz, Clemens Löschmann begeisterte
durch sprühende, engagierte Natürlichkeit, René Perler
durch seine stupenden, von Leidenschaftlichkeit getragenen Stimmverwandlungen
(Judas, Arien). Den nachhaltigsten Eindruck hinterliess
indessen Dominik Wörner: Mit seinem wärmenden, gehaltvollen und souverän
geführten Christus-Bass sang er sich dem Publikum ins Herz. (mks)