Blut - und dennoch Trost

Berner Münster dieses Drama. Sein grosser musikalischer Bogen darf exzessiv ausgekostete Klangsteigerungen und Tempoänderungen umfassen. Die Choräle (Berner Kammerchor und Vokalkollegium Bern) wirken mitunter, als hätten sie Angst, frömmlerisch zu wirken: Da muss Tempo her, auch wenn dadurch Feinzeichnung verloren geht. Der Evangelist (Clemens Löschmann) gibt seiner Empörung lautstark Ausdruck. Wenn da der Hahn kräht, dann kräht die Wahrhaftigkeit. Merkwürdigerweise sucht Dähler diese Wahrhaftigkeit weniger im Orchester. Kaum leuchtender Streicherglanz bei den Worten Jesu‘, keine schmerzerfüllte Zeichnung von Golgatha.


 Norbert Graf


 Heiliger Johann Sebastian! Empört über so viel Theatralik soll eine Hörerin anno dazumal gewesen sein, als sie Bachs Matthäus-Passion zum ersten Mal hörte. Da wird gefoltert und gemordet - und dies alles zum besseren Seelenheil. Ohren-Abschneiden, Lügen-Verbreiten und was der Empörungen in dieser Leidensgeschichte noch mehr sind, bekommen bei Bach ihre klangliche Gewandung.
 Jörg Ewald Dähler suchte im Da ist aber noch eine andere Seite: Diejenige, die Choräle zur möglichst ehrlichen Andachtsmusik erklärt. Die bemüht ist, pietistisches Pathos zu verbannen. Die in barocken Effekten die wahren Affekte sucht. In der «das liebe Herz» wahrlich herzzerreissend blutet (Sopran: Ruth Holton). Beide Seiten gehören dazu: Innen und Aussen. Durchaus denkbar, dass die Übergänge vom einen ins andere nicht immer geradlinig sein müssen.
Jörg Ewald Dähler zeigte musikalisch, was ihm wichtig ist: Textauslegung. Wie bei einem Doppelpunkt lässt er die Instrumente unterstreichen: «So geschehe dein Wille». Und der Chor antwortet mit Überzeugung: «Wer fest auf Gott vertraut, den will er nicht verlassen.» 



BZ-Kultur, 19. April 2003