Vokalkollegium Bern

gegründet 1982

Der Bund Donnerstag, 06.11.2003, Ausgabe-Nr. 259, Ressort Kultur

Trost durch Klangsprache

20 Jahre Vokalkollegium Bern: Jubiläumskonzert mit Werken von Christian Henking und Henry Purcell

Zur Feier des 20-jährigen Bestehens des ursprünglich von Michel Jaccard gegründeten und geleiteten Vokalkollegiums Bern bot der knapp dreissig Sängerinnen und Sänger zählende Elitechor in der Dreifaltigkeitskirche Bern ein Konzert mit acht Anthems von Henry Purcell und dem 2001 uraufgeführten Requiem seines gegenwärtigen Dirigenten Christian Henking.

Bei dieser Bestandesaufnahme mit alter und ganz neuer Musik präsentierte sich das Ensemble als hochmusikalische, wendige und intensiv gestaltende Singgemeinschaft auf staunenswertem Niveau. Falls es dem Chor noch gelingt, einige leicht hervorstechende Einzelstimmen zurückzubinden und sich noch vermehrt der Diktion zuzuwenden, wird das Vokalkollegium regional und national den besten Vereinigungen dieses Genres zuzuzählen sein.

Expressive Interpretation

Die Anthems von Henry Purcell erfuhren rund um die Wiedergabe des Requiems von Christian Henking angeordnet ebenso subtil durchgearbeitete wie expressiv bewegende Interpretationen. Der Dirigent Henking achtete mit souveräner Zeichengebung auf Spannung, auf Mezzavoce-Effekte und auf Verinnerlichung. Mit dieser Purcell-Ehrung ergab sich eine halbe Stunde der Besinnung und des Trostes.
Das dreiviertelstündige Requiem von Christian Henking zweifellos mehr als nur eine Talentprobe des unkonventionell komponierenden Berners verzichtet auf wortgebundene Aussagen und Informationen. Seine Klangsprache entwickelt sich aus Stimmungen, aus gesungenen oder auch gesprochenen Einzelwörtern und Einzelsilben. Daraus ergibt sich eine eigenartig diffuse, mystische Atmosphäre, die eher den Geist und den Intellekt als das Gemüt anspricht.

Die vokalen und die instrumentalen Kräfte verschwimmen zu Klangquellen, die den Kirchenraum zu durchfluten scheinen, aber sich, da sie sich kaum je zu fassbaren Botschaften verdichten, nicht zu klar definierbarem Ausdruck konzentrieren.

Originell, intellektuell

Was Henking in Form eines Requiems geschaffen hat, ist originell und stark vom Kopf her geprägt. Spontaneität und direkte Emotionalität bleiben ausgespart und mit erkennbaren Melodien oder Rhythmen musste sich die Hörerschaft auch nicht auseinander setzen. Alles das hatte zwar Stil und Eigenart, löste aber im Zusammenhang mit der auf April im Stadttheater Bern angesetzten Premiere von Henkings erster Oper «Leonce und Lena» (nach Büchners Theaterstück) nicht nur Hoffnungen, sondern auch Fragen aus. (-tt-)