«Klänge auf Händen tragen»

Die Fülle geistlicher Vokalmusik hat die Adventszeit längst zur Zeit der Chorkonzerte gemacht. Das Vokalkollegium Bern feiert dieses Jahr noch ein anderes Fest: Das Jubiläum zum 20-jährigen Bestehen.

Sonja Koller

Bedenkt man, dass die Chorkultur auf eine ungefähr zweihundert Jahre alte Tradition zurückblicken kann, so ist das Vokalkollegium Bern mit seinen zwanzig Jahren ein sehr junger Verein. Reich und ausgefüllt war die Zeit, die das gut dreissig Sängerinnen und Sänger umfassende Ensemble bis heute erlebt hat, jedoch allemal: Auf dem Programm stand so ziemlich alles von Barock bis zu zeitgenössischer Musik; Klassik, Romantik, aber auch Unterhaltungsmusik und dabei viele A Cappella-Werke. «Wir singen, wozu wir Lust haben», sagt Christian Henking, der das Ensemble seit fünf Jahren leitet und sich selbst als «nicht besonders traditionalistisch denkend» bezeichnet. Stilvielfalt ist dem ausgebildeten Kapellmeis-ter und Komponisten ein grosses Anliegen.

Halbprofessionell

Hier nun trotzdem ein Blick zurück: Die ersten Chöre, welche öffentlich Konzerte aufführten, formierten sich in Deutschland ums Jahr 1800 und bestanden aus Laiensängern. Obwohl sich im Laufe des 19. Jahrhunderts viele dieser Gemeinschaften zu professionellen Vokalensembles ausbildeten, prägen Liebhabervereine die Chorlandschaft bis heute. Auch das Vokal-kollegium Bern besteht nicht aus Berufssängerinnen und Berufssängern. Als «Halbprofessionelle» kann man sie jedoch durchaus bezeichnen, denn alle Mitglieder nehmen privat Gesangsstunden und viele von ihnen sind wenn zwar keine Sänger so doch Berufsmusiker auf einem Instrument.

Avantgardistisch anders

Diese Konstellation ermöglicht es Christian Henking mit seinem Vokalkollegium auf hohem Niveau jährlich zwei Konzertprogramme einzustudieren. Ungefähr alle zwei bis drei Jahre ist Musik der Avantgarde im Programm enthalten - im Jubiläums-konzert dieser Woche wird ein Requiem erklingen, das der Chorleiter vor zwei Jahren selbst komponiert hat. Henking bezeichnet das Erarbeiten von Avantgardemusik als äusserst spannend: «Man taucht dabei in eine völlig andere Kultur ein - etwa so, als ob man japanische Opernmusik einstudieren würde. » Die Proberei bestehe bei solchen Programmen vor allem aus Erklärungen: Da oftmals sogar die Notation der Werke neu und anders sei, müsse man den Sängerinnen und Sängern in erster Linie beschreiben, «was überhaupt gemeint sei».

Eng verbunden

Obwohl Christian Henking selber nie in einem Chor gesungen hat, besuchte er bereits vor dem Beginn seines Studiums der Musiktheorie, Komposition und des Dirigierens Chorleiterkurse und verdiente sich sein Studium mit der Leitung verschiedener Berner Chöre.

Was ihn bei der Arbeit mit Chormusik besonders fasziniert, ist die spezielle Art des Dirigierens, die äusserst enge Verbindung zwischen Dirigent und Ensemble. «Beim Dirigieren trage ich den Klang sozusagen direkt auf meinen Händen», beschreibt der Berner Musiker sein Erleben, «bin ich müde oder unkonzentriert so fällt sofort alles zusammen. » Dieser direkte Kontakt zur Musik und zum Konzerterlebnis, das laut Henking «immer voller Überraschungen steckt», ist ihm ein wichtiger Ausgleich zu seinem Hauptberuf: «Beim Komponieren mache ich ein Stück», sagt er, «beim Dirigieren jedoch Musik».

BZ-Stadt Bern, 03. November 2003